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Herbsttreffen 2009 vom 5.-8. November in Berlin

Vom 5. bis 8. November 2009 fand das sechste Herbsttreffen des Carlo-Schmid Netzwerks in Berlin statt. In Panels, Diskussionen und Workshops haben sich die TeilnehmerInnen mit dem Thema Kontrastreiches Afrika - Ein Kontinent im Wandel auseinander gesetzt. Das Programm der Tagung ist hier hinterlegt. Den Tagungsband finden Sie hier.

Besonders möchten wir dem Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) und der Robert-Bosch-Stiftung danken, deren großzügige finanzielle und logistische Unterstützung uns die Durchführung der Tagung ermöglicht hat.

 

Ziel der Konferenz war es, das gängige Afrika-Bild zu hinterfragen, die Vielfalt und den Reichtum des afrikanischen Kontinents kennen zu lernen und der Frage nachzugehen, welche Entwicklung Afrika in den kommenden Jahren nehmen könnte.

Panel 1: Das Verblassen des Regenbogens - die Zukunft Südafrikas als schwacher afrikanischer Staat?

Im Jahr des Völkermordes in Ruanda 1994 eröffnete der Beginn Südafrikas Demokratie dem Land eine Reihe von Chancen. Das erste Panel ging der Frage nach, inwiefern Südafrika diese Chancen für sich nutzen konnte, und was die „Regenbogennation“ im Ergebnis aus diesen Möglichkeiten gemacht hat. Dr. Christian von Soest, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institute of Global and Area Studies (GIGA), analysierte die Staatlichkeit Südafrikas aus politikwissenschaftlicher Perspektive anhand von Parametern wie der Konsolidierung des politischen Systems (Durchführung von freien Wahlen), oder der Rechtsstaatlichkeit (das verfassungsgemäße Handeln der Regierenden). Hein Moellers, Informationsstelle Südliches Afrika e.V. (issa), orientierte sich bei seiner Betrachtung an der Widerspiegelung der kulturellen Vielfalt Südafrikas im Parteiensystem. Dr. Henrik Schott, Auslandskorrespondent von Naspers, analysierte die außenpolitische Rolle Südafrikas in der Region. In der Debatte wurden vor allem die Fragen der angemessenen Vergangenheitsbewältigung des Apartheitsregimes und die Möglichkeit der Verbesserung der Bildungssituation für die schwarze Bevölkerung diskutiert.

Panel 2: Bilder von und über Afrika: Afrika in den deutschen Medien

ImageIn der deutschen Öffentlichkeit wird Afrika hauptsächlich als Kontinent der Kriege und Katastrophen wahrgenommen. Eine breitenwirksame Diskussion über das in Deutschland vorherrschende Afrikabild findet nicht statt. Anhand von Fallbeispielen aus den deutschen Medien konfrontierten Jean-Alexander Ntivyihabwa - Medienproduzent und Gründungs- und Vorstandmitglied der media-watch Organisation „Der Braune Mob e.V.“ - und Daniel Bendix - Doktorand an der Universität Manchester und Mitglied der antirassistischen Initiative „PAKT“ - die Teilnehmer sowohl mit dem in unserer Gesellschaft vorherrschenden als auch mit ihrem persönlichen Afrikabild. In der interaktiven Diskussion wurde klar, das Afrika als homogener Kontinent ohne Geschichte und ohne Zukunft und mit einem Mangel an Eigeninitiative dargestellt wird; externe Kritik und westliches Eingreifen werden daher als dringende Aufgabe und als grundlegendes Recht betrachtet. Schwarze Menschen werden in der deutschen Werbung exotisiert, sexualisiert, tribalisiert, emotionalisiert, dämonisiert; das führt dazu, dass bestehende Hierarchien zwischen Weißen und Schwarzen verfestigt werden werden. Die deutschen Medien erhalten so ein positives Selbstbild und legitimieren auf diese Art und Weise die dem Kolonialismus unterliegende Ideologie. Als Konsequenz wird Diskriminierung aufgrund von Hautfarbe perpetuiert.

Workshoprunde: Diversity of political transformations in Africa. The Cases of Angola, Kenya, Muaritius and Zambia

Third Scramble for Africa. Power Petrodollars and Challenge of Good Governance. The Case of Angola

“We need an elite transformation!”

Zusammen mit Dr. Kofi Olympio von der Universität Trier diskutierten ca. 20 Workshopteilnehmer die politische Lage und das Dilemma Angolas. Reich an Öl, ist das Land dominiert von einer politischen Elite, die im Rahmen eines Burgfriedens zwischen den grössten Parteien die natürlichen Resourcen des Landes untereinander aufteilt. Schwache Institutionen, ein Mangel an qualifizierten Fachkräften und vor allem eine nach 20 Jahren Bürgerkrieg zerrissene Ziviligesellschaft bilden dabei den idealen Nährboden für Korruption und Nepotismus. Der notwendige Wandel kann schliesslich nur aus den Eliten Angolas selbst kommen – sie müssen eine neue Vision für ihr Land entwickeln und umsetzen.

Experiences and Perspectives on National Development in Kenya

Im Fokus des Workshops stand neben der Frage, wie es nach den Wahlen im Jahr 2007 zu den blutigen Unruhen kam, die Diskussion der heutigen Situation und Perspektiven Kenias. Leonard Mwamba, Doktorand an der Universität Leipzig, eröffnete den Workshop mit einem Vortrag, in dem er anhand der Geschichte Kenias die Konfliktlinien verdeutlichte, welche den blutigen Unruhen zu Grunde lagen. Anschließend diskutierten die Teilnehmer die Rolle der internationalen Vermittlung bei der Konfliktbeilegung und Perspektiven Kenias.

Journalism in Zambia - Media, Freedom and Development?

Der Workshop von Dr. Rolf Freier widmete sich der Entwicklung freier und unabhängiger Medien in Sambia seit der Unabhängigkeit des Landes 1964/65. Aufbauend auf der These, dass das Afrikabild in führenden europäischen Zeitungen z. T. wesentlich ausdifferenzierter sei als in vielen Zeitungen auf dem Kontinent Afrika selbst, diskutierten und verglichen die Workshopteilnehmer die drei Hauptphasen der Medienentwicklung in Sambia seit 1964/65. Diese Hauptphasen sind 1. die Spuren des englischen Kolonialerbes im Journalismus 1964-1975, 2. die Verstaatlichung und Gleichstellung der Medien 1974-1985 und 3. die Entstaatlichung bzw. Teilprivatisierung der Medien sowie die Einführung elektronischer Formate seit 1985. Die Workshopteilnehmer kamen in ihrer Diskussion zu dem Schluss, dass eine Gleichstellung der Medien zwar kurzfristig politische und soziale Stabilität erzeugen bzw. unterstützen kann, langfristig aber nur freie Medien ein Garant für die Nachhaltige Entwicklung und demokratische Ordnung eines Landes sind. Überdies stellten die Teilnehmer in der Diskussion mit Dr. Freier fest, dass lokale Medienformate so nah wie möglich an der Realität der Menschen sein müssen, um sie zu erreichen, was im Fall von Sambia das Pflegen einer langen oralen Tradition durch lokale Radiosender bedeutet.

The success story of Mauritius

Trotz schlechtester Ausgangbedingungen hat Mauritius es geschafft, sich seit der Unabhängigkeit im Jahr 1968 sowohl politisch als auch wirtschaftlich zum afrikanischen Vorzeigemodell zu entwickeln. Laut der mauritischen Botschafterin H.E. Ghislaine Henrison fusst die positive Entwicklung auf drei Ausgangsentscheidungen: 1. Familienplanung im Dialog mit der katholischen Kirche um der Bevölkerungsexplosion Herr zu werden, 2. eine Gemeinschaftsregierung um die Kluft zwischen den fast gleichgrossen politischer Lagern zu überbrücken, 3. die proaktive und dynamische Diversifizierung der Wirtschaft um Arbeitsplätze und Devisen zu generieren und allgemein vorteilhafte Bedingungen für Unternehmer. Botschafterin Henrison antwortete auf zahlreiche Fragen und fuegte der Erfolgsgeschichte Mauritius weitere Facetten hinzu. So sind Bildung und die medizinische Versorgung kostenlos, es existiert ein Equal Opportunity Act, Regierungswechsel finden auf demokratische Weise und unter reger Diskussion mit der Bevölkerung statt. Es bleibt aber festzustellen, dass Mauritius gemessen an Einwohnerzahl und geographische Ausmasse klein und ohne umstrittene Rohstoffe daher gut manoevrierbar ist.

Festvortrag: Afrika im Aufbruch - eine Herausforderung für Europa

Unter diesen Titel stellte die diesjährige Festrednerin Dr. Uschi Eid, MdB a.D., ihren spannenden und anregenden Vortrag, der einen der Höhepunkte des Jahrestreffens bildete.

Eine realistische Einschätzung der politischen Lage und der Reformen in afrikanischen Ländern, nichts weniger als dies forderte Dr. Eid von hiesigen politischen Entscheidungsträgern, Medien, zivilgesellschaftlichen Akteuren und Wissenschaftlern. Aufbruch und eigeninitiierte Reformen in Afrika würden in Deutschland und Europa viel zu wenig gewürdigt und der Erfolg den Afrikanern nur ungern zugestanden. Stattdessen sei man zu oft vom tradierten Zerrbild des Kontinents der Kriege, Krisen und Korruption voreingenommen. Sicherlich, so Dr. Eid, seien viele der Probleme, die den Kontinent und seine Bewohner plagen, nicht verschwunden. Doch vielerorts lasse sich Wandel deutlich erkennen. Anhand etlicher Beispiele zeigte Dr. Eid auf, dass verbindliche Standards eingefordert und gesetzt werden und Good Governance und besseres Management an Bedeutung wächst. Wir, die westlichen Geber, seien gefordert unsere eigenen, meist kurzlebigen Strategien, thematischen Vorlieben und Verhaltensmuster zu überdenken, um verlässlichere Partner in der Entwicklungszusammenarbeit zu werden.

Panel 3: Staatlichkeit in Afrika

Die Expertenrunde zum Thema Staatlichkeit in Afrika, die den Abschluss des Herbsttreffens bildete, setzte sich zusammen aus Prof. Dr. Thomas Bierschenk von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und Peter Schumann, Senior Fellow der Nachwuchsgruppe Konfliktgeneratoren im Exzellenzcluster „Kulturelle Grundlagen von Integration“ der Universität Konstanz und früherer Regionalkoordinator und Vertreter der Vereinten Nationen im Südsudan (UNMIS). Die Referenten haben grundlegende Aspekte von Staatlichkeit in Afrika und damit zusammenhängende Herausforderungen sowohl aus historischer Perspektive beleuchtet als auch zukunftsorientiert analysiert und zusätzlich durch länderspezifische Fallbeispiele ihrer jeweiligen Regionalexpertise illustriert. Im Fokus der Diskussion stand als Grundproblem der Genese des unabhängigen Staates in Afrika insbesondere die Übernahme der Strukturen des Kolonialstaates sowie die hohe Zahl der externen Interventionen auf der Basis ständig wechselnder Modelle, die institutionelle Heterogenisierung und „organisierte Verantwortungslosigkeit“ nach sich zogen und so zusätzliche Probleme für afrikanische Staatlichkeit generierten.

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