| Abschlußbericht des Carlo Schmid-Praktikums
10. Dezember 2001 bis 14. Juni 2002
Weltgesundheitsorganisation Genf Arbeitsfelder
Mein Praktikum bei einer Internationalen Organisation absolvierte ich im Hauptsitz der WHO in Genf in der Arbeitsgruppe für den 'Schutz der Umwelt und Gesundheit von Kindern'.
International Conference on Environmental Threats to the Health of Children, 3 – 7 March 2002, Bangkok, Thailand
Der Beginn meines Praktikums fiel unmittelbar in die Vorbereitungen für eine Konferenz, die von unserer Arbeitsgruppe in Bangkok organisiert wurde und sich mit der Gesundheit und Umwelt von Kindern befasste. Es stand fast keine Einarbeitungszeit zur Verfügung, da die Vorbereitungen bereits in vollem Gange waren. Dafür hatte ich sofort ein eigenes Aufgabengebiet und fühlte mich von Anfang an als vollwertiges Teammitglied.
Im Organisationsteam war ich für die wissenschaftliche Posterausstellung verantwortlich. Mein Aufgabenbereich umfasste die Kommunikation mit den Autoren und sowohl vor als auch während der Konferenz stand ich als Ansprechpartner zur Verfügung. Außerdem trug ich die Abstracts aller Beiträge, also auch die der Seminare und des Plenums zusammen, um sie in unserem Konferenzprogramm zu veröffentlichen. Die Zeitverschiebungen zu den Konferenzteilnehmern und die immer wieder auf individuelle Anfrage verlängerten Einsendefristen verlangten von uns grosse Flexibilität und Einsatzbereitschaft.
In Bangkok selbst hatte jeder von uns einen thailändischen Partner, der vor Ort bereits Vieles organisiert hatte. Obwohl die Konferenz nach Meinung der Teilnehmer sehr gut organisiert war, mußte man immer wieder improvisieren. Am Ende der Konferenz übergab ich den Posterteilnehmern Zertifikate über die erfolgreiche Teilnahme an unserer Konferenz und überreichte den Preisträgern eines Posterwettbewerbes unter indischen Schulen ihr Zertifikat vor dem Plenum.
Wieder zurück in Genf veröffentlichten wir die Ergebnisse der Konferenz im Internet und gaben eine ausführlichen Bericht heraus, für den ich einen Beitrag zu den Posterausstellungen schrieb (http://www.who.int/phe/ceh).
Handbook for Children's Environmental Health
Als zweites Projekt übernahm in nach der Rückkehr aus Bangkok die Koordination eines Handbuches, das die WHO für den Gesundheitssektor herausgeben möchte und das auf den Problemkreis ‚Gesundheit, Umwelt und Kinder’ aufmerksam machen soll. In Bangkok konnten wir bereits mit mehreren Autoren Kontakt aufnehmen. So sprach ich mit Konferenzteilnehmern und konnte sie für unser Projekt gewinnen. Meine Aufgabe in Genf war die Kontaktpflege mit den Autoren. Sobald wir ein Manuscript erhalten hatten, wurde es nach Durchsicht an den Zweitautor weitergesendet, so daß wir für die meisten Kapitel einen Autor aus einem Industrieland und aus einem Entwicklungsland hatten.
Child Health and Poverty
Von Januar an nahm ich regelmässig an Sitzungen der Arbeitsgruppe für ‚Gesundheit von Kindern und Armut’ teil. Anfang Juni fand ein Workshop statt, um Kapazitäten für die Arbeit in diesem Bereich auszubilden. Basierend auf der Feststellung, daß nicht nur Armut die Gesundheit von Menschen beeinträchtigt, sondern daß umgekehrt eine schlechte Volksgesundheit der Wirtschaft eines Landes schadet, untersuchten wir die Verteilung von Gesundheit als Gut in verschiedenen Bevölkerungen bzw. Bevölkerungsschichten. Für mich war die Teilnahme an diesen Sitzungen sehr lehrreich, da ich einen Eindruck dafür bekam, wie Projekte entstehen, wie Organisationsprozesse innerhalb einer Internationalen Organisation ablaufen, wie Sponsoren gefunden werden können, wie der Umgang mit Partnerorganisationen funktioniert und in welchen zeitlichen Dimensionen man denken muß, will man einen Bewußtseinswandel – als Voraussetzung für tatsächliche Veränderungen – herbeiführen.
Klinische Studie aus Westgambia
Durch die Arbeit in der abteilungsübergreifenden Arbeitsgruppe über ‚Child Health and Poverty’ und durch den engagierten Einsatz meiner Supervisorin lernte ich sehr schnell Mitglieder anderer Abteilungen kennen. Mit der Abteilung ‚Gesundheit von Kindern und Jugendlichen’ erarbeiteten wir mithilfe eines von der WHO entwickelten Statistikprogrammes grundlegende epidemiologische Kenntnisse, mit denen wir die Daten einer klinischen Studie aus Westgambia analysierten.
Arbeitsumfeld
Die Zusammenarbeit mit meinen Kollegen war sehr konstruktiv. Vor allem mit meiner Supervisorin verband mich nach kurzer Zeit ein freundschaftliches Verhältnis, das über das rein Professionelle hinausging. Gleich zu Beginn nahm sie sich Zeit, mich durch die WHO zu führen, mir die Räumlichkeiten zu zeigen, mich meinen Kollegen vorzustellen und mir den Einstieg so leicht wie möglich zu machen. Auch als ich an meinen Projekten bereits selbstständig arbeitete, war die Tür meiner Kollegen für Fragen oder Rücksprache immer offen.
Genf mit seinen Internationalen Organisationen bietet eine sehr lebendige Atmosphäre und ich schätzte es sehr, mich in der WHO in einem sehr bereichernden und anregendem Umfeld aufzuhalten. Der Austausch mit Menschen anderer Herkunft und anderer Sichtweisen lädt ein, sich selbst und sein eigenes Verhalten immer wieder zu hinterfragen und für Neues offen zu sein.
Bewertung
Für meine Arbeit bei der WHO waren spezifische Qualifikationen eines Mediziners nicht notwendig. Sie erleichterten mir allerdings in mehreren Fällen das Verständnis wissenschaftlicher Texte. Von größerer Bedeutung als Spezialkenntnisse waren vielmehr der sichere Umgang mit Menschen, gutes Auftreten, Selbstständigkeit, Verantwortungsbewußtsein, Belastbarkeit, persönliches Engagement und Diskussionsbereitschaft. Der Umgang mit Internet, Email und Textverarbeitung wurde vorausgesetzt. Wohl am meisten profitierte ich von meinen Sprachkenntnissen. Arbeitssprache war Englisch, doch ich sprach fast täglich auch Französisch, Italienisch und Deutsch. Während meines Praktikums konnte ich in der WHO auch einen 6-monatigen Sprachkurs in Französisch besuchen.
Die Arbeit in einer Internationalen Organisation spielt sich oft fern von den Menschen und deren Problemen ab und von außen kann leicht der Eindruck entstehen, daß die Ideale und Visionen, die am Anfang einer Idee oder eines Projektes stehen, die Menschen nie erreichen werden. Es liegt in der Natur einer großen Organisation, daß Prozesse langwierig und träge verlaufen. Beim schwierigen Prozeß der Umsetzung eines Entwurfes treten Interessenkonflikte auf, die manche harten Vorstellungen zu weichen Kompromissen verwässern. Der Erfolg und Mißerfolg der eigenen Arbeit ist in einer Internationalen Organisation nicht so direkt und unmittelbar spürbar wie beim persönlichen Kontakt des Arztes mit dem Patienten. Es ist nicht direkt meßbar, welchen Anteil unsere Konferenz für die Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen in Südostasien in zehn Jahren gehabt haben wird. Dennoch glaube ich, daß es sich lohnt, sich für die öffentliche Gesundheit einzusetzen.
Mein Gesamteindruck des Praktikums ist sehr positiv und ich freue mich, daß es mir gelungen ist, diesen wichtigen Baustein meinem Studium hinzuzufügen. Es wäre sicher attraktiv gewesen, nach Beendigung meines Praktikums bei der WHO zu bleiben. Doch für meine Ausbildung ist es zunächst wichtig, Berufserfahrung als Ärztin zu bekommen, um meine theoretischen Kenntnisse durch praktische Erfahrungen zu ergänzen und Fachkompetenz zu erwerben. Erst dann kann ich für mich erfolgreich und lebensnah den Weg zurück in eine Internationale Organisation finden. |