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Matthias Brucker / UNDP Tadschikistan

 

 

Bericht über mein Praktikum beim Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP), Tadschikistan in Kulyab

Vom 01.03.2006 bis 31.07.2006 im Rahmen des Carlo-Schmid-Programms für Praktika in Internationalen Organisationen und Europäischen Institutionen

 

  

Vielen ist Tadschikistan, eine dieser Weltengegenden, der wir aufgrund ihrer anscheinendenden Unbedeutsamkeit keine Beachtung schenken, überhaupt kein Begriff. Trifft man aus Zufall jemanden, der schon einmal den Namen dieses Landes gehört hat, so kann man mit Sicherheit davon ausgehen, das er es erstens falsch ausspricht – etwa Takikistan oder Tadschistan - oder es auf der Landkarte nicht situieren kann. Will man seine Unkenntnis über das Land in einer Bibliothek oder in einem Buchladen beheben, so entdeckt man, dass fast kein einziges Werk sich mit diesem Land befasst. Und doch ist Tadschikistan in vielerlei Hinsicht ein hochinteressantes Land.

 

Als muslimisches Land, das aus der zerfallenen Sowjetunion hervorgegangen ist, trifft man hier Hammer und Sichel, Leninstatuen, - büsten, -straßen, -parks und -plätze neben Moscheen, Heiligengräber, geweihten Quellen und Wasserfällen, betenden Gläubigen und wandernden Mullahs an. Nach einem blutigen Bürgerkrieg kuriert es nun seine Wunden und dessen großer Präsident Emomali Rachmonov ist völlig damit beschäftig eine zuvor nur ansatzweise vorhandende Nation neu zu formen. Dabei benutzt er zum Teil höchst fragwürdige Symbole und Rethorik, wie zum Beispiel das Hakenkreuz oder der in den Fußballpausen während der Weltmeisterschaft ausgestrahlte Werbefilm “Man Orion” - “Ich bin Arier”.

Tadschikistan ist darüber hinaus geostrategischer Berührungspunkt verschiedenster Interessensphären: Russland ist präsent mit seinen Beratern, die immer noch Tadschikistans Grenzsoldaten mit guten Ratschlägen beistehen. Iran mit seinem Botschafter, der den Aufbau des tadschikischen Nationalheiligtums Ali Hamadoni vorantreibt. Die Türkei, mit ihren Gymnasien - übrigens die besten im Lande – in denen Schülern Türkisch gelehrt wird. Die USA mit ihren Amercican Corners in jeder Hochschule. Usbekistan mit seinem Öl, China mit seinen Massenwaren und Raubkopien. Und Afghanistan durch seine unruhigen Zustände.

Tadschikistan ist auch das ärmste Land aller ehemaligen Sowjetrepubliken und ist deshalb Spielwiese einer Fülle an internationalen Organisationen und Nichtregierungsorganisationen, denen durch den zwangsläufig kooperationsbereiten Präsidenten freies Feld gelassen wird. Es ist das einzige Land in gesamt Zentralasien in dem man unbekümmert Entwicklungsarbeit leisten kann.

 

Aus diesen Gründen und noch anderen befand ich mich von März bis Juli 2006 im Dienst des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen. Gefördert wurde mein Vorhaben duch das Carlo-Schmid-Programm auf das ich durch den Tip einer Freundin, die selbst Stipendiatin war, aufmerksam geworden war.

 

Mein persönliches Ziel war es neben Tadschikistan, vor allem die praktische Arbeit der Vereinten Nationen auf dem Feld kennenzulernen. Ich wurde gnadenlos ins kalte Wasser geschmissen: Nach einer nur einwöchigen Einführung in der Hauptstadt Duschanbe – die Montagsstadt –  schickte man mich in den wilden Süden des Landes nach Kulyab.

 

Kulyab gehört zu den Kriegsgewinnern, da der Klan des Präsidenten aus diesem Oblast kommt, ist aber dennoch die ärmste Gegend des Landes. UNDP ist hier unten mit vielerlei Projekten zur Armutsminderung und ländlichen Entwicklung aktiv, am wichtigsten jedoch ist ein Projekt, das zum Ziel hat, die Zivilgesellschaft und die lokalen Regierungsinstanzen zu befähigen ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Es wurden zahlreiche kleine Entwicklungsorganisationen gegründet, die mit einem Mikrofond ausgestattet sich selbst finanzieren. Sie geben Kredite aus, organisieren lokale Entwicklungsinitiativen, wie zum Beispiel den Wiederaufbau eines Krankenhauses oder einer Grundschule, richten Fußballturniere aus oder arbeiten mit den Grenzsoldaten zusammen um mögliche Konflikte vorzubeugen. Jede Organisation reagiert demnach auf ihre ganz eigenen Probleme. Meine Aufgabe war es in Zusammenarbeit mit dem Programmanalysten und diesen Organisationen neue Projekte zu konzipieren. Nennenswert sind dabei ein Tourismusprojekt, ein Projekt zum Fairen Handel und eines zur Errichtung eines Business Inkubators. Die Arbeit war aufregend, denn sie beinhaltete neben dem intelektuell stimulierenden Schreiben der Projektvorschläge, auch etliche Monitoringexkursionen in meist abgelegene Gegenden, in die man nur über Schotterpisten gelangt. Besonders in Erinnerung bleibt mir die Exkursion zu einer zerstörten Wasseranlage in Kokul im Nomansland zwischen Afghanistan und Tadschikistan. Begleitet von einem 16jährigen tadschikischen Grenzsoldaten, fuhr unser Jeep in praller Hitze durch ein wüstenartiges Minenfeld zum Projektort, wo wir Skizzen von den Überresten einer von den Sowjets erbauten Wasserpumpe machten und die Umgebung abfotografierten. Außerdem wurde ich bei der Umsetzung verschiedener anderer Projekte eingespannt, sodass ich einen sehr interessanten Einblick in alle Tätigkeitsbereiche UNDPs erhielt. Zusätzlich zu den beruflichen Erfahrungen, die ich bei UNDP in Tadschikistan sammeln konnte, nahm ich jedoch noch ein vielfaches mehr an persönlicher Lebenserfahrungen mit. Ich lernte Tadschikisch, erlebte die Gastfreundschaft unzähliger Tadschiken, lernte auf dem Basar zehn Minuten lang um nur einen Somoni (umgerechnet 30 cent) zu feilschen, bereiste Usbekistan und den Pamir, lebte in widrigsten Umständen ohne Wasser und Elektrizität wenn einmal wieder zentral alles abgestellt wurde, fuhr in klapprigen Marschrutkas und Taxen durch das Land und genoss den ewigen tadschikischen Sommer. Und ich lernte etwas über die Relativität der Dinge: Als ich in Duschanbe, der Hauptstadt, eintraf, war ich schockiert über die Zustände dort. Eine Woche später war meine Bestürzung noch größer, als ich verstand in in welchen Verhältnissen, die Leute in Kulyab lebten. Und als ich einen Monat darauf der Hauptstadt einen neuen Besuch abstattete, kam mir alles groß, sauber, zivilisiert und modern vor. So ändern sich die Relationen. Das Praktikum ist ein Meilenstein auf dem Weg zur Verwirklichung meines Wunsches in einer Internationalen Organisation zu arbeiten. Aber darüber hinaus hat es auch vieles zu meiner persönlichen Weiterentwicklung beigetragen. Ich bin jetzt geduldiger, toleranter (gegenüber fremden Traditionen, wie beispielsweise die organisierten Hochzeiten) aber auch kritischer was die Arbeit der Internationalen Organisationen betrifft. All das hat das Carlo-Schmid-Programm ermöglicht, das außerdem, durch seine Anstrengungen ein Netzwerk aufzubauen, auch über das Praktikum hinaus wertvolle Kontakte ermöglicht hat.

 

Mein Rat an alle ist es, die Programmlinie A des Carlo-Schmid-Programms voll auszunutzen und Vorhaben in Internationalen Organisationen und Ländern zu verwirklichen, die ohne Unterstützung nur sehr schwierig durchzuführen sind. Mein Dank gilt allen Organisatorendes Carlo Schmid Programmes!

 

(Bilder als pdf zum Download)

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